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Einbauküchen-Blues oder mein neues Leben

Mein neues Leben sieht ein bisschen aus wie ein Krokantbecher bei meinem Lieblings-Eisdealer: Vanille mit Nuss. Allerdings in Hochglanz. So sehen nämlich die Fronten meiner neuen Einbauküche aus, die ich morgen bestellen werde. Und anders als bei der süßen Kalorienbombe ist mir dieses Mal schon vor dem Bestellen schlecht.

Das wiederum liegt zum einen daran, dass ich damit die endgültige Trennung von Tisch, Bett und vor allem von Wand (wer das ist, erkläre ich später) einläute, zum anderen an einer tief sitzenden Einbauküchenphobie, die sich im Laufe meines Lebens als überaus begründet erwiesen hat. Einbauküchen haben mir noch nie Glück gebracht. Eine mehr oder weniger glückliche Kindheit lang lebte ich ohne. Meine Eltern bestückten den Lebensmittelpunkt unserer Familie zwar mit zueinander passenden Schränken, jedoch ohne die obligatorische, alles verbindende Arbeitsplatte. Das zählt also nicht. Erst als ich mit 15 Jahren zu meinem Vater zog – meine Eltern sind geschieden – nahm ich meine Mahlzeiten in Eiche rustikal ein. Es waren harte Jahre! Meine erste eigene Wohnung richtete ich wiederum mit Fundstücken aus diversen Kellern ein. Später miete ich die Küchen einfach mit dazu.

Dann, vor knapp 14 Jahren, betrat ich zum ersten Mal ein Küchenstudio. Quasi sofort hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich war einfach noch nicht bereit, eine solche Bindung einzugehen. Ehe, Kinder, alles kein Problem – eine Küche jedoch wird man so schnell nun mal nicht wieder los. Da war ich mir sicher. Trotzdem ließ ich mich von meinem damaligen Freund überreden, mein Vater spendete sogar noch einen Teil der Anschaffungskosten.

Nach nicht mal zwei Jahren war ich mit meiner Einbauküche, Front weiß/buche, unterwegs in Richtung Italien. Der „Küchenteilhaber“ war längst ausgezogen, sein Anteil ausgezahlt (dafür hatte ich auf den Wohnzimmer- und den Kleiderschrank, das Bett und den Couchtisch verzichten müssen) und die Küche irgendwie über. Ich hatte mich nämlich in eine neue, beziehungsweise in deren Besitzer, verliebt. Für gerade mal den halben Neupreis, damals 4000 DM, kaufte mir meine Schwester in Italien den Ballast ab. Und ich war wieder frei!!!!

Dieser wunderbare Zustand währte allerdings nicht lange. Denn mit dem neuen Küchenbesitzer änderte sich auch mein Leben von Grund auf. Zunächst verließen wir unsere Heimat – und natürlich auch die vorhandene Einbauküche - in Richtung Ruhrgebiet, um künftig dort zu leben und zu arbeiten. Übergangsweise konnte ich mich durchsetzen: Ich war jung, verliebt und kreativ. Hingebungsvoll lackierte ich zwei Werkbänke, baute eine Spüle ein und bastelte und kreierte solange daran herum, bis so etwas wie eine Küche entstand. Ein offener, innovativer Look! Ich war begeistert, mein Schatz weigerte sich „in so einem Provisorium“ zu kochen. Und überhaupt: Er wollte ein Eigenheim mit Garten, Kinder und – eine Einbauküche.

Wenig später stand ich also wieder in Küchenstudios, dieses Mal zum Preisvergleich gleich in mehreren hintereinander. Anfangs wehrte ich mich tapfer gegen Oberschränke und putzintensive Edelstahlabzugshauben und verwies statt dessen auf das schwedische Einrichtungshaus mit den praktischen Mitnahmemöbeln. Doch von Studio zu Studio wurde mein Widerstand geringer. Schließlich zogen die Einbauküche und wir in unser neues Eigenheim ein.

Das ist jetzt fast elf Jahre her. Die Küche verzeichnet inzwischen einige Kratzer und auch von mir ist offensichtlich der Lack ab. Denn – nun kommen wir zu Wand, meinem Noch-Ehemann – findet Wand, dass es Zeit ist für einen Modellwechsel. Allerdings nicht bei der Einbauküche, sondern bei mir. Das Modell seiner Wahl ist blond, ledig und in seinen Augen sehr attraktiv. Ich hingegen werde nun mit einer – nach Ansicht der Möbelhausverkäuferin – ebenfalls attraktiven Einbauküche abgefunden. Zumindest im übertragenen Sinne, denn bezahlen muss ich sie ja schließlich selbst (30 Prozent Anzahlung, den Rest per 0-Prozent-Finanzierung über 24 Monate).

Nun denken Sie nicht, ich wäre verbittert. Nein, die neue Liebe ist schon gebraucht, ebenso wie die Kitchen-Aid und die Couch, die Wand unbedingt behalten will. Ich hingegen bekomme eine nagelneue Einbauküche und vielleicht sogar noch einen Wasserkocher dazu. Was will man denn mehr?

P.S. Nun hätte ich fast vergessen, von einem weiteren, tragischen Einbauküchenzwischenfall zu berichten. Es gab noch einen anderen Mann, der mich wegen einer Einbauküche verlassen hat! Der wollte nämlich eine – und zwar sofort. Ich war aber noch nicht so weit!

1.8.10 20:22

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